wir Menschen

Ines Klitz: Gekommen ist, um an unseren letzten Wortwechsel anzuknüpfen, ein in der weißrussischen Hauptstadt Minsk zwischen den Staats- und Regierungschefs  der Ukraine, Russlands, Deutschlands und Frankreichs ausgehandeltes Abkommen. Ab Vorvorgestern sollte demnach eine vor Ort von der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa überwachte Waffenruhe beginnen. Gestern sollte mit dem Abzug schwerer Waffen aus dem Kriegsgebiet begonnen werden.

Peter Madei: Eine Waffenruhe gab es zu keinem Moment, denn weder Putin als verkappter Zarewitsch noch Poroschenko als Washingtons Marionette haben ein besonderes Interesse daran. Die Kontrolle des Kriegsgebietes durch unbewaffnete Uniformierte im Auftrag der OSZE ist von vornherein unrealistisch.

IK: Erschütternd ist, dass es um Menschen und ihre Gemeinschaften zuwenigst geht. Interesse an ihrem Wohl deklarieren ihre Anführer allenfalls vor ihrer Wahl oder schieren Machtergreifung und ziehen sie noch am ehesten in diesem Zusammenhang in Betracht. Etwas wert sind sie ihnen vor allem gehorsam und opferbreit. So ist es in der Ukraine. So ist es in Syrien und im Irak. So ist es in Griechenland. So ist es innerhalb und außerhalb der heutigen Wohlstandszonen.

PM: War es jemals irgendwo anders?

IK: Deswegen sollten wir Sebastião Salgado erwähnen. Sein Fazit einer jahrlangen weltweiten Recherche über Migrationsbewegungen Ende der 1990er Jahre, über vor Kriegen und Naturkatastrophen Fliehende, über Ge- und Verjagte, über nach lebenswertem Leben Suchende, ist: „Wir sind bösartige, schreckliche Tiere, wir Menschen.“

PM: Ich habe „Das Salz der Erde“ gesehen. Für mich ist dieser ohne Einschränkung, dieser ohne Wenn und Aber gesagte Satz die zentrale Aussage des Films. Die sieben Worte fassen alle bisherigen menschlichen Bemühungen zusammen. Schmettern sie nieder. Allerdings scheint mir, dass der Regisseur Wim Wenders eine andere Feststellung Salgados in den Mittelpunkt zu rücken versucht: nämlich dass noch etwa die Hälfte der irdischen Natur vom Menschen unversehrt ist und die von ihm geschundene mit Geschick und gutem Willen durchaus renaturierbar. Von diesem Zentrum aus wird Salgados Lebensleistung gefällig und beliebig. Wenn das nicht Wenders‘ Absicht war, hat er ein sehr ärgerliches Missverständnis in die Welt gesetzt.

IK: Der wichtigste Teil des Films und der wichtigste Teil von Salgados Leben decken sich. Beide erheischen weder Sensation noch Quote. Insofern habe ich Wim Wenders nichts vorzuwerfen. Im Gegenteil: Wenn ich erfahre, dass Salgado sich seit seinem desillusionierenden Bilderepos „Migrations“ nichts mehr vormacht, dann aber Möglichkeiten entdeckt, Körper- und Geisteskräfte wertvoll einzusetzen, wirkt das wie eine Auferstehung auf mich. Nicht in dem infantilen mystischen Sinn, mit dem wir uns seit Jahrtausenden die Gehirne einnebeln, sondern unmittelbar, existenziell. So aufersteht Natur. Immer wieder. Und ich als Einzel- und Gemeinschaftswesen habe die Wahl, ob mit mir oder ohne mich. Kann ich mehr erhoffen?

PM: Genau diese Hoffnung meine ich. Wenn Salgado sich nach seinem rigorosen Fazit nicht von der Menschheit abwendet, was in letzter Konsequenz hieße, von sich selbst, ist das noch kein Gewinn. Wenn er in den Folgejahren erfolgreich ein Stück Dschungel zurückgewinnt, den seine Vorfahren ruiniert haben und wenn er gemeinsam mit seiner Frau Lélia und seinem Sohn Juliano dieses großartige Projekt „Genesis“ hervorbringt, das er als „das Mosaik der Natur selbst … feiern möchte“, wird daraus bei Wenders unter der Hand das Prinzip Hoffnung. Tatsächlich steckt darin aber eine Zukunft abseits der Hoffnung, also abseits des Menschlichen, außerhalb und unabhängig von unserer Wohlstands-Armuts-Zivilisation.

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