Wo sind die Intellektuellen?

„Die Wahrheit zu suchen, nicht sie als bereits gegeben hinzunehmen (da beginnt die Lüge der Ideologie) – und sich selbst immer wieder als solch ein vom Irrtum wendender Wahrheitssucher öffentlich zu zeigen –, das scheint die Arbeit des Intellektuellen“, schreibt der studierte Philosoph Gunner Decker (in „1965. Der kurze Sommer der DDR“) und präzisiert: „das meint vor allem die Künstler, Regisseure und Autoren und nicht die an Universitäten und Instituten angestellt-abhängigen Denker, die die Klasse der Intelligenz bilden: dem herrschenden geistigen Vakuum […] eine eigene Denkbewegung entgegenzustellen!“

Wo sind sie, diese Intellektuellen, hier und jetzt? Sie sterben (zuletzt Roger Willemsen, in letzter Zeit unentwegt und hinterlassen immer öfter – nichts. Jedenfalls keine in aussichtsreichen Denkweisen an Realität und Nachwelt sich Heranwagende und auch keine sie einigermaßen zuverlässig hervorbringenden Strukturen.

Nur ein Beispiel, wie bedrohlich das für den Fortgang des Geschehens, der Geschichte des Homo Sapiens, ist: Da beklagt, nicht einmal auf die unsympathischste Art, ein Professor Beuscher in der kürzlich erschienenen „FAZ“ Nr. 43 „leseschwache und verantwortungsscheue“ Studienanfänger. „Warum sind Studenten so mutlos und verzweifelt, wenn es Widerstände gibt?“, fragt er, „und wo sind Neugier und Abenteuerlust geblieben?“

Nicht die Studienanfänger, sondern die Studienabgänger sind aber das Problem. Und am Ende hüpft ihm dann die Katze aus dem Sack: „Liegt es denn in der Natur von Schule, Menschen unmündig und abhängig zu machen?“ Seiner Meinung nach soll das nicht „Schuld der Schule, sondern Ergebnis einer unseligen Kooperation von Lehrern und Schülern (sein), die dem Ideal folgen, man dürfe nicht nichtwissen, man müsse am besten immert schon alles wissen …“ und so weiter.

Nein, lieber Herr Professor, so kompliziert ist es gar nicht. Noch nie haben staatliche oder vom Staat – ganz gleich von welchem Staat! – eingerichtete oder geduldete Schulen und Universitäten ein anderes Ziel gehabt, „Menschen unmündig und abhängig zu machen“ und folgsame, staatstragende Bürger zu ‚produzieren‘. Jede andere Behauptung ist nicht nur grob fahrlässig, sondern eine glatte Lüge. Gar keine Frage, um Missverständnissen vorzubeugen, dass man auf diesen ausgelegten Bildungswegen auch sehr wissend – klug ist man schon vorher oder eben nicht! – werden und dann Großartiges hervorbringen kann. Entscheidend für den Fortgang des Geschehens ist aber die Strategie, die der Staat mit seinem Bildungssystem verfolgt. Sie läuft, genau besehen, immer auf die Eingliederung der AusGebildeten hinaus und auf möglichst vorauseilenden Gehorsam. Ist der gegeben – notfalls mit Nachdruck hergestellt – darf man sich (nicht überall aber hierzulande) dann schon mal und sogar weit aus dem Fenster lehnen. Manch einer kippt dabei ab – upps!

Soll es wirklich weitergehen mit uns, wird es, ganz gleich was Staat will oder nicht, ganz sicher auf die von Gunnar Decker beschriebenen Menschen ankommen, die sich um ihren Nachwuchs immer schon selbst kümmern mussten. Vielleicht ist das nicht einmal ein Beinbruch, nur kann ich diese freie geistige Elite im Moment nicht (mehr) erkennen, geschweigedenn ein Netzwerk aus ihresgleichen. Brille putzen? Schön wär’s, wenn das hülfe.

Die gute Nachricht trotz allem: Die Systeme, ideologische, ökonomische oder politische, sind nicht über uns gekommen, sondern hand- oder besser hirngemacht. Die allerdings abdämpfende: Während vielen der Platz, den wir haben, um uns zu entfalten, immer noch unendlich erscheint, quetschen wir – weil er proportional oder sogar exponentiell zu jedem Wuchstum weiter schrumpft – uns immer schmerzhafter an den Rand. Insofern war das Bild von der Erde als einer Scheibe ganz und gar nicht dumm …

Ein Gedanke zu “Wo sind die Intellektuellen?

  1. Wir leben in einer Zeit vieler Widersprüche und erleben tagtäglich, dass die „Eliten“ ihr Heil in immer mehr Druck und Abschottung suchen. Verzweifelt wird versucht, das gemeinschaftlich erarbeitete Bruttosozialprodukt nur ganz wenigen zuteil werden zu lassen. Die dabei immer größer werdenden Widersprüche werden nicht gelöst sondern übertüncht. So wird aus einer freien Presse eine Propagandamaschinerie, die uns klar macht, wer nicht mit den Mächtigen ist, wird kalt gestellt. Argumente und Fakten werden beliebig verdreht und uns als Wahrheiten, die nur wir haben, verkauft.
    In diesem Gemenge braucht es stromlinienförmige Politiker, Journalisten, Militärs, Richter, Anwälte. Nun, nach so vielen Jahren, ist es vollbracht: Die bürgerliche Elite ist unfähig, Probleme zu lösen – man hat nur gelernt sie auszusitzen. Der Neoliberalismus kam nicht über Nacht von Gott, sondern von den Universitäten. Dort werden die Schreibtischtäter der Zukunft ausgebildet. Dabei spielen private Schulen leider eine unrühmliche Rolle. Wie Herr Hörstel auf der 12. AKZ-Tagung in der Schweiz sagte, fehlt uns in unserer Politik die Ethik. Wir haben zu viel Thatcher, zu wenig Goethe.
    Ist Rettung in Sicht? Vielleicht ist die Europa-Initiative von Yanis Varoufakis „Diem25“ ein Weg für die noch moralisch und ethisch intakten Teile des Bildungsbürgertums, europaweit eine Änderung zur Demokratie hin zu bewirken. Angst bringt aber den Erfolg der Rechten Strömungen in Frankreich, Niederlanden und mit der AfD nun auch in Deutschland. „Wehret den Anfängen“ ist die Lehre aus der Geschichte des 20. Jahrhunderts.

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