„Zohra“ aus Afghanistan

Zarifa Adiba ist die junge Frau auf dem Bild. Als ich sie, nicht ganz zufällig, fotografiere, sitzt sie auf dem Altarpodest in der Berliner Gedächtniskirche. Vor ihr schafft ein Orchester junger Musikerinnen eine klangvolle Stille für zwei Rubabs, das Nationalinstrument der Afghanen. Nicht ganz zufällig, weil, mehr noch als Äußerliches, die verträumte Konzentration in ihrem Gesicht meine Aufmerksamkeit auf sich zieht. Da weiß ich ihren Namen noch nicht.

Nach dem stürmischen Beifall für den Auftakt erhebt sie sich plötzlich und geht so schlicht und selbstverständlich vor das Orchester, dass jeder auch im letzten Winkel des übervollen Kirchenraumes es bemerken muss. Und ist die Dirigentin. Tags zuvor hatte ich im Radio ihre Stimme gehört. Sie sprach davon, wie unvorstellbar es für sie war, als Frau einen (musikalischen) Willen auf andere Menschen zu übertragen. Ich weiß nicht, ob innere Gewissheit und Wille synonym sind, aber diese Gewissheit ist es, die in der Zeit ihres Dirigierens von ihr auf Lauschende und Schauende übergeht.

„Zohra“ heißt das Orchester, das erste Frauenorchester Afghanistans. „Zohra“ bedeutet „Blume“ und „Schönheit“. Auch der Planet Venus heißt im Afghanischen „Zohra“. Über 30 Mädchen und junge Frauen, 14 bis 20 Jahre alt, musizieren seit 2015 mit diesem gemeinsamen Namen. Es sind die ersten seit 30 Jahren, die trotz ihres Geschlechts und unabhängig von ethnischen, religiösen, sozialen und wirtschaftlichen Lebensumständen an der Musikhochschule in Kabul studieren dürfen. In ihren Familien ruft das Zustimmung und Ablehnung gleichermaßen hervor.

Ist etwas anderes zu erwarten in einem Land, das seit der Kolonialzeit Spielball regionaler und internationaler, strategischer und ökonomischer Interessen ist? Bis heute werden auf dem Territorium Afghanistans ununterbrochen Stellvertreterkriege geführt, offen und verdeckt von unterschiedlichsten Parteien. Länder wie Pakistan, Iran, Tadschikistan und internationale Mächte wie Großbritannien, die USA und Russland bzw. die Sowjetunion verwüsten seit Jahrhunderten Land und Menschenseelen.

Der immer mal wieder verbreitete Anblick von Kindern aus diesem zerstörten, ausgeraubten Land entlarvt die erbärmliche Heuchelei einer ‚zivilisierten‘ Welt, die sich angeblich um Konfliktlösungen bemüht. Es geht aber allein um UNSERE Interessen, die, wenn wir sie durchsetzen, UNSER Leben verbessern, während das der dort Beheimateten immer unlebbarer wird. Selbst wenn es tatsächlich Hilfe gäbe, würde es, das zeigen mir die Kindergesichter, Jahrzehnte dauern, um die zerschundenen Seelen zu trösten. Falls das überhaupt möglich ist. Und bis es den dort Heranwachsenden ein wenig weniger schlecht geht.

So sieht die Zukunft dieses Landes aus. So sieht die Zukunft dieser Menschen aus. Aussichtslos. Ich schaue Zarifa Adiba ins Gesicht und 30 Mädchen und Frauen, ausgesandt, um selbstbewusst(er) aus der Feindwelt, die nicht wirklich weiß, wie sie mit ihnen umgehen soll, zurückzukehren, und merke in dem Moment, dass es weder um Beifall noch um Mitleid geht und auch nicht um Zuspruch. Es geht darum, dass ich wieder einen Grund haben darf, etwas weniger verschämt in den Tag zu leben und etwas mutiger als bisher.

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