ZwischenZeiten

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Die Welt ist eitel. Vielleicht fehlt ihr der Ehrgeiz, sich erkennen zu wollen, aber sehen will sie sich schon. Dafür hat sie das bewusste Selbst ‚erfunden‘. In ihm einen EigenSinn zu suchen, halte ich für ein ehrgeiziges aber heikles Unterfangen. Ein großes Vergnügen kann es allerdings sein, sich in ZwischenZeiten, auf dieses Selbst bewusst einzulassen.

In der Mathematik, von der ich nie erfahren werde, ob sie in einem bestimmten Moment in die Welt gesetzt wurde oder die Welt ihr Ergebnis ist, gibt es ein faszinierendes Phänomen. Es handelt sich um das imaginäre „i“, das eingeführt wird, um bestimmte mathematische Probleme lösen zu können. Die Existenz dieses „i“ bleibt auf den Lösungsweg bezogen und ist in der Lösung nicht mehr enthalten. Sein wieder Verschwinden ist rückstandslos, sein AufTritt demnach spurlos und mutmaßlich ohne Risiken und Nebenwirkungen. Die Mathematiker sprechen in diesem Zusammenhang gern von Eleganz.

Ich kann es aber auch anders sehen, denn definiere ich die Welt nicht aus meiner Wahrnehmung heraus, braucht dieses imaginäre „i“ weder erfunden werden, noch wieder zu verschwinden. Dann gehört es – selbst-verständlich – von vornherein zur Wirklichkeit. In ihr lässt es Dinge und Verhältnisse miteinander und aufeinander reagieren, kreiert aus einer Vielheit des ‚Nebeneinander-her‘ ein ‚Zuvor‘ und ‚Danach‘ mit immer neuen Zwischenzeiten.

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Hier war dieser Gedanke eine ZwischenZeit lang aus-gedacht. In ungefähr drei Wochen hat er sich mit anderen eigenen und anderen anderen Gedanken zu einem weiteren Ergebnis verknüpft.

Wenn ich das „i“ nicht hinein in die Welt nehme, sondern die Perspektive wechsele und dieses „i“ für real halte, was geschieht dann mit der bisherigen Wirklichkeit? Ich ahne, dass sie etwas anderes ist als nur eine Umkehrung, nur ein Vorzeichentausch, wie ihn manche Elementarteilchenphysiker gern vornehmen, um Weltmodelle auszubalancieren, aber in Wirklichkeit mit keinem anderen Grund, als die eigene Unruhe zu besänftigen und einigermaßen ruhig schlafen zu können.

Verlasse ich diese (be)unruhigen(den) Geister und entferne mich auch von der Mathematik im engeren Sinne, kann ich mir weiterhin gut vorstellen, dass ebenso ein lebendiger Mensch in einer schwierigen Situation für einen anderen wie dieses imaginäre „i“ ist. Die Berührung beider kann dann bewirken, dass der eine mit Hilfe des anderen wieder mit sich und der Welt ins Reine kommt, gesund wird, weiter lebt, ausgeglichener. Geschieht das, besteht von da an die Notwendigkeit einer fortgesetzten Beziehung nicht mehr.

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Meine Wirklichkeit übertrifft diese Situation insofern, als sich aus einer Begegnung, die ich vor eineinhalb Jahren hatte, diese ‚Hilfeleistung‘ in beiden Richtungen abzeichnet. Wahrscheinlich ist jeder ist von uns für den anderen genau die besondere Person, mit deren Hilfe sich die eigene un-glückliche Lebenslage in eine aussichtsreiche verwandeln lässt.

So weit, so gut. Aber in unserer Wirklichkeit gibt es außerdem zwei weitere Personen aus unseren seit Jahren und Jahrzehnten gelebten Partnerschaften. Was geschieht mit ihnen? Bleiben sie sich selbst überlassen? Sollen wir, müssen wir uns um sie kümmern? Oder sind sie für sich selbst verantwortlich, schon weil sie ihren Anteil an unserer Situation haben, die eben nicht aus heiterem Himmel kommt?

Das alles wird noch dadurch verkompliziert, dass unsere Begegnung, dieses Auftauchen des einen im Leben des anderen, tatsächlich ein Wiederfinden im Rahmen des durchaus Möglichen ist, denn wir waren vor 42 Jahren schon einmal nahe beieinander. Nun stellen diese Jahre sich als ZwischenZeit heraus und eine ‚elegante‘ Lösung in Frage.

Denn ist es nicht unmoralisch oder rücksichtslos, Heutiges mit etwas so lange Vergangenem und damals Gescheitertem wieder beleben oder – je nach Perspektive – zerstören zu wollen? Ist es binärer Egoismus, oder ergab sich dieses Wiederfinden, weil die vorhandenen Beziehungen nicht erfüllt und erfüllend sind?

Eine einfache Lösung mit Happy End für die vier Beteiligten wird es kaum geben. Dafür ist die Wirklichkeit zu selten märchenhaft. Vier verschiedene Sicht- und Erlebensweisen dieser Situation werden bleiben. Mit wie viel Klarheit und Sicherheit – bei offenem Ausgang – Weiteres geschieht, wird allerdings von zweierlei abhängen. Einmal von dem Gespür für die Notwendigkeit, ein lange verkanntes Gefühl in später Zeit auszuleben oder es im Rahmen des Möglichen auszubalancieren – mit welchen Folgen und auf wessen Kosten, wäre dann die Frage. Zum anderen von dem Geschick, diese Möglichkeit oder Notwendigkeit von der schönen Chance zu trennen, füreinander ein phänomenales „i“ zu sein. Für eine nächste ZwischenZeit?

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